Nach einer langen und ereignisreichen Binnenfahrt durch ganz Europa kommen wir bei Sulina ans Schwarze Meer und steuern Richtung Süden.

Anders als am Fluss mit seiner Strömung in der sich die Goldfisch oft sehr unnatürlich abmühen musste, beginnt sie sich nun in ihrem eigentlichen Element zu bewegen. Jetzt erkennt sie die Weite des vor uns liegenden Meeres und schaukelt leicht in die sanften, entgegenkommenden Wellen. Da die Masten noch gelegt und verzurrt sind, wirken diese Bewegungen zwar noch etwas eigenwillig und behindert, doch wird sich das nach dem Aufriggen wohl bald ändern. Dies ist auch unser nächstes Anliegen und wir werden versuchen so schnell es möglich, Varna in Bulgarien zu erreichen um dort diese Arbeiten durchzuführen.

Nach knappen vier Stunden Fahrt müssten wir nun in gleicher Höhe von Sfintu Gheorghe sein. Dort mündet der gleichnamige Donauarm ins Meer und von nun verläuft die Küste in südwestlicher Richtung, also wird unser Kurs ebenfalls in diese Richtung geändert, um später zur Einfahrt des Lake Razim zu kommen. Nur leider nimmt auch die Wassertiefe ab. Hatten wir nach unserer Kursänderung nach Südwesten an die 60 Meter unter dem Kiel, so wird es nun wieder sehr flach, je weiter wir wieder zur Küste steuern.

Jeder wird sich beim Lesen dieser Zeilen denken, dass es ganz normal ist, wenn man sich der Küste nähert, wird es nun mal auch flacher! Dem muss ich selbstverständlich zustimmen, doch sind wir noch einige Meilen entfernt und sind bereits bei einer Wassertiefe von nur 20 Meter angelangt! Durch das Donaudelta bedingt, versandet dieser Küstenabschnitt immer mehr.

Zu dem Problem des Flachwassers, taucht jetzt auch noch eine andere Schwierigkeit auf. So weit wir blicken können, sind zwischen uns und dem Festland Fischernetze ausgebracht! Es ist einfach nicht möglich weiter zur Küste zu kommen, um wie geplant bei der Einfahrt zum Lake Razim den Anker zu werfen. Weiterfahren möchten wir auch nicht unbedingt. Es ist unser erster Tag auf See, auf der einen Seite unzählige kilometerlange Fischernetze, auf der Anderen kommen wir unweigerlich auf die Schifffahrtsstrasse und dort werden wir auf diese schwimmenden Riesen treffen, die mit ihren tausenden Tonnen Beladung auf dem Weg Richtung Bulgarien oder Türkei sind.

Wir sind ziemlich müde, wissen das eine Weiterfahrt nicht unbedingt ratsam ist, also stellt sich langsam die Frage „Was tun?“. Wir befinden uns etwa fünf Meilen von der Küste entfernt, überall diese Netze und das Wasser wird immer flacher! Es ist zum verrückt werden. Langsam nähert sich die Sonne dem Horizont, wir müssen uns entscheiden. Zwischen den Netzen sehen wir einige offene Fischerboote deren zweiköpfige Besatzungen die Gaslampen an Deck entzünden um ihre Arbeit fortsetzen zu können. Die See spiegelglatt.

Wir haben weder die nötige Erfahrung, noch Lust in die einbrechende Dunkelheit zu fahren und kommen zu dem Schluss, noch etwas mehr zur Küste zu steuern und bei acht bis zehn Metern den Anker zu werfen. Ich denke, die wenigsten Seeleute würden auf fast offener See ankern, doch sagte der Wetterbericht bis maximal drei Boufort Wind für die nächsten Tage voraus, also sollte es nachts doch ruhig bleiben. Wird das Wetter jedoch trotzdem umschlagen, müssen wir dann eben doch weiter hinaus und weiterfahren. Doch erscheint es uns sicherer diese Möglichkeit so weit hinaus zu schieben wie möglich. Jetzt ist erst mal Schlaf wichtig, denn den haben wir dringend nötig.

Die Sonne ist nun endgültig hinter dem Horizont verschwunden, wir sind bei neun Meter Wassertiefe angelangt und die schilfverwachsene Küste ist in ungefähr drei Meilen nur an einer schwachen, schwarzen Linie zu erkennen. Es ist die kaum sichtbare Grenze zum südöstlichen Teil des Donaudeltas. Der Anker fällt und gräbt sich hervorragend ein. Wir sind zwar am Meer, jedoch ist es deutlich zu sehen wie das Delta seine Finger ausstreckt, Sand und Schlamm hinausschickt um sich zu erweitern. Ich stecke noch genügend Kette nach und habe in diesem Augenblick das Gefühl in einer absolut ruhigen Bucht zu liegen. Die Kette fällt schnurgerade nach unten ab und nicht die geringste Bewegung ist zu spüren. Zwischen uns und der Küste erkennen wir viele Lichter im Dunkel, die von den immer zahlreicher werdenden Fischerbooten in die ankommende Nacht leuchten.

Bereits um sechs Uhr morgens machen wir uns fertig um den Anker hoch zu holen und unsere Fahrt fortzusetzen. Die Müdigkeit steckt uns fest in den Knochen und erst mit der dritten Tasse Kaffee bessert sich dieser Zustand etwas. Langsam entfernen wir uns von der Küste, lassen die Fischer, die jetzt beginnen, ihre Netze einzuholen, hinter uns. Die Umrisse des Landes werden immer schemenhafter, bald ist wieder nur ein schmaler Streifen zusehen. Wir kommen in tieferes Gewässer zurück. Am Horizont steigen Rauchschwaden auf, die uns an die nahe Schifffahrtsstrasse erinnern.

Die Zeit vergeht, mit fast sieben Knoten teilt die Goldfisch das Meer. Außer dem plätschern am Bug und dem brummen es Motors ist nur Stille um uns. Wenn es so bleibt, sollten wir rasch Konstanza erreichen.

Gegen Mittag verändert der Himmel seine Farbe. Bisher strahlte er in wunderbarem Blau, nun wird es bedeckt. Das Barometer ist bisher stabil geblieben, hat seinen Wert nicht verändert. Trotzdem beginne ich mich etwas zu sorgen, da ich doch schon einige Male auf das schnell veränderliches Wetter am Schwarzen Meer, aufmerksam gemacht wurde. Bald kommt Wind auf. Er wird bald stärker und schnell entwickelt sich Seegang. Leider fehlt der Goldfisch noch das Rigg und somit ist kein Gegendruck von oben vorhanden. Das Schiff beginnt unangenehm zu rollen.

Wir peilen die Stadt Mamaia an, welche Konstanza von Norden kommend vorgelagert ist, um die ankommenden Wellen mehr von achtern zu haben. Auch können wir uns dann so besser mit sogenannter Küstennavigation vorwärts bewegen. Doch leider verschlechtert sich die Sicht in Landnähe ziemlich und es wird schwierig die einzelnen Landmarken auszumachen. Die Sonne steht im Westen und lässt uns durch aufkommenden Dunst an Land nur schwer unsere Position bestimmen. Je weiter wir Richtung Konstanza kommen, um so undeutlicher werden die Umrisse an Land. Außerdem wird der Wind plötzlich um einiges stärker und als wir vor der Stadt angekommen sind, haben die Wellen bereits eine beachtliche Höhe erreicht. Immer mehr Schaumstreifen auf den Wellenkämmen.

Obwohl bestes Wetter vorhergesagt war, ändert sich das Aussehen der See rasant. Sein Gesicht wird immer dunkler. Sie verändert verdammt rasant ihr Gemüt. Der Wind heult und pfeift, Gischt fliegt bereits durch die Luft. Eigentlich wollten wir in den Handelshafen mit seinen unzähligen Krananlagen einlaufen, doch erscheint es uns jetzt angebrachter den Yachthafen Port Tommis anzusteuern, der doch noch einiges vor diesem großen Hafen liegt.

Die Silhouette der Stadt wird immer dunkler. Der Dunst und die hinter der Stadt stehenden Sonne lassen es nicht zu, genau zu bestimmen, welches der hohen Gebäude ein Hotel oder welcher der vielen Türme ein Sendeturm ist, so wie es in unserer Ansteuerungsbeschreibung steht. Natürlich ist auch keine Hafeneinfahrt zu erkennen, nur eine Tonne, die vor Untiefen warnen soll. Laut unseren Informationen soll es hier aber noch einige mehr davon geben. Somit kreuzen wir hin und her und versuchen mit dem Fernstecher krampfhaft die Signale der Einfahrt zu finden.

Trotz der immer wilder werdenden Schiffsbewegungen hat Dörte bereits zum vierten Mal unsere Position bestimmt, sie ist eindeutig richtig und trotzdem können wir nichts erkennen. Im Blindflug möchte ich aber nicht noch näher heran, da an der einen Seite die Untiefen drohen und an der anderen müsste bereits die ellenlange Uferbefestigung der Stadt beginnen. Wir wissen aber auch, dass es mit diesen Wind- und Wellenverhältnissen nicht möglich ist weiter südlich zu fahren, um den Handelshafen zu erreichen. Wind und Welle würden dort genau in die Einfahrt mit seinen vielen Hochseetankern stehen. Auch ist es nicht ratsam, weiter hinaus zu fahren, um dort abzuwettern, denn die Goldfisch wäre mit den gelegten Masten ein Spielball der See. Beide Alternativen wären eindeutig zu gefährlich, also weiter nach dem Yachthafen Ausschau halten.

In der Zwischenzeit versuche ich mehrmals den Hafen über Funk zu rufen, jedoch erhalte ich keinerlei Antwort. Immer wieder brülle ich in das Funkgerät, aber es kommt keine Antwort. Entweder sitzen die gemütlich vor dem Fernseher, oder meine Funkanlage arbeitet nicht richtig. Ich vermute eher zweites, da sich durch die Bewegung unserer hin und her rutschenden Masten auch die Antenne verstellt haben könnte. Plötzlich sehen wir zwischen uns und dem Land ein flackerndes Licht langsam auf uns zukommen. Nach mehrmaligem Hinsehen erkennen wir einen Mast und darunter ein Segelboot, welches in der aufbrausenden See Kurs auf uns nimmt. Toplicht ein und Toplicht aus. Dieses Boot kann unmöglich aus dem Nichts kommen, sondern hinter dem Segler muss diese verdammte Hafeneinfahrt liegen, die wir suchen. Also wende ich die Goldfisch in seine Richtung. Dörte beobachtet weiterhin das andere, ebenso unter Motor fahrende Segelboot, das anscheinend die gleichen Probleme hat wie wir, denn dessen Mast schaukelt wie wild von links nach rechts. Toplicht ein und Toplicht aus. Es scheint, als wolle uns der Skipper Zeichen geben. Ich halte auf den schwankenden Mast mit seinen Lichtzeichen zu und da dreht er um und nimmt wieder Kurs in Richtung Land. Ich gebe Vollgas und verfolge das Boot. Gleichzeitig fliegt im Inneren der Goldfisch einfach alles durch die Luft was nicht verstaut oder fest installiert ist. Wir hören Besteck klirren und einige andere Dinge laut auf die Bodenbretter krachen. Egal, es sieht so aus als wolle uns das andere Boot zur Einfahrt lotsen, also weiter.

Nach langen fünfzehn Minuten erkennen wir die Einfahrt im Dunst. Aber ohne irgendwelcher Lichtzeichen. Zwei riesige Wellenbrecher mit jeder Menge Betonklötzen vor uns. Ich kann nicht sagen in welche Richtung die Goldfisch wirklich rollt, wir werden sowohl nach links und rechts geschleudert, als auch nach vorne und hinten. Wassermassen ergießen sich über das Deck und schütten uns mit geballter Kraft zu. Gebannt beobachte ich unsere gelegten Masten. Die beiden Bollwerke, die das Schwarze Meer davon abhalten sollen in das Hafenbecken zu schwappen, kommen immer näher. Wir sehen diverse Angler darauf stehen, die ihr Glück in den sich an den Betonbrocken brechenden Wellen versuchen und unseren Kampf anscheinend nicht registrieren.

Mittlerweile ist das andere Segelboot hinter diesen riesigen Steinhaufen im Hafen verschwunden, wir kämpfen noch immer mit den Wellen und ich frage mich ob ich bei dem Geschaukle die Einfahrt treffe. Welch blödsinniger Gedanke! Aber andererseits möchte ich mir nicht ausmalen, wie und ob ich hier wenden kann falls die Einfahrt zu seicht ist. Natürlich steht im Hafenführer genug Einfahrtstiefe eingezeichnet, nur reicht die bei dem Wellengang?

Wir sind da, an beiden Seiten die aufgetürmten Betonklötze und riesige Wasserfontänen die von da nach oben wirbeln. In der Mitte der Einfahrt haben wir die Wellen genau von achtern und werden richtiggehend von einem Brecher, der sich unter das Schiff schiebt, zwischen diesen Bollwerken in den Hafen geschoben. Ein grausamer Gedanke geht mir blitzartig durch den Kopf. Was geschieht, wenn die Goldfisch jetzt aus dem Ruder läuft? Das Hafenbecken erstreckt sich nach Backbord und hinter dem dortigen Wellenbrecher liegt ein langer Betonkai mit vielen Schiffen an der Mauer. Ich steuere die Goldfisch brutal in diese Richtung und nachdem ein letztes Mal zu Boden fallende Gegenstände klirrende Geräusche von sich geben, bewegen wir uns in fast spiegelglattem Wasser. Die ankommenden Wellen hingegen bleiben in ihrer Richtung und verlaufen sich an dem Strand, welcher genau gegenüber der Einfahrt liegt. Das andere Segelboot ist wie vom Erdboden verschwunden. Für seine Lotsenhilfe müssen wir uns bei ihm später unbedingt bedanken.

Obwohl geplant war, die Masten in Varna zu stellen, wird uns hier schnell und unbürokratisch Hilfe zugesagt. Die Masten werden mittels Autokran an den Kai gehieft, doch scheitert das Stellen an mehreren Dingen und so legen wir nach zehn Tagen endlich wieder ab.

In Mangalia erledigen wir unsere Revision und als wir danach wieder an der Ausfahrt ankommen, wird die Goldfisch angehoben. Restdünung des gestrigen Windes ist zu spüren, wir gehen gegen an. Die Umrisse der Hafeneinahrt werden immer schwächer und die Dünung wird stärker. Es ist windstill und so entscheiden wir uns dafür, weiter zu fahren, was sich aber bald zu einem folgenschweren Fehler entwickeln soll.

Wir haben Mangalia bereits fast zehn Meilen hinter uns und die Dünung steigt langsam, aber stetig an. Bald wird die Goldfisch meterweit aufgehoben, um danach in die Wellentäler zu krachen. Die Wellen haben, trotz Windstille eine enorme Dimension angenommen. Beide verstehen wir dieses Phänomen überhaupt nicht, es gab nur gestern Starkwind und trotzdem baut sich diese enorme Dünung auf. Obwohl ich lieber sofort umzukehren möchte, lässt es das Meer nicht zu. Ich sehe keine Möglichkeit das Schiff zu wenden, ohne befürchten zu müssen, dass es querschlägt, oder zumindest die liegenden Masten von Deck geschleudert werden. Dörte hat sich mittlerweile im Niedergang festgekrallt. Vor uns sehe ich einen trüben Schimmer über der wogenden Wasseroberfläche und als ich durch den Fernstecher sehe, erkenne ich Nebelschwaden auf uns zukommen. Auch das noch!

Noch bevor ich näher darüber nachdenken kann, sind wir auch schon von dem Nebel umgeben. Schnell wird es immer trüber und bald sehen wir keine dreißig Meter weit. Und immer wieder wird die Goldfisch empor gehoben, um danach ins folgende Wellental einzutauchen. Wasser wird über das Deck gespült, immer heftiger werden die Schiffsbewegungen. Das Schiff verhält sich wie ein defektes JoJo.Auf und ab, hin und her.

Obwohl wir erst vor kurzem unsere Position eingezeichnet haben, fehlt mir jegliches Gefühl, zu wissen wo wir uns befinden. Rund um uns nichts als diese trübe Brühe und dazu diese unangenehmen Bewegungen des Schiffes. Auch wenn es der Seegang zulassen würde, umzukehren, wäre es bei diesen Sichtverhältnissen lebensgefährlich zurück zum Hafen zu steuern. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als zu versuchen weiter hinaus zu fahren.

Innerhalb weniger Augenblicke wird Dörtes Gesicht von einem fahlen Schimmer überzogen und bald hält sie ihren Kopf aus dem Steuerstand und muss sich übergeben. Ich stehe breitbeinig hinter dem Steuer, umklammere mit beiden Händen das Rad und Dörte hängt ganz verkrampft am Eingang um ununterbrochen ihren Kopf nach draußen zu schieben. Ich steuere das Schiff etwas mehr nach Backbord, gleichzeitig kommt ein gewaltiger Wasserschwall über das Deck und Dörte bekommt in Ihrem jämmerlichen Zustand jetzt auch noch diese Wassermassen ab. Enormes Mitleid kommt in mir auf, aber ich kann ihr in diesem Moment in keinster Weise helfen, versuche nur die Goldfisch auf Kurs zu halten.

Mittlerweile sehe ich auch, dass die Masten beginnen etwas hin und her zu rutschen. Obwohl ich die Gurte in Mangalia kontrollierte, ist die Belastung nun an ihre Grenzen gestossen. Dörte hängt nun triefend naß am Ausgang und es scheint, als würde sie sich nicht mehr erfangen. Innerhalb weniger Augenblicke hat die Seekrankeit bei ihr zugeschlagen und ich kann ihr nicht im Geringsten helfen. Ganz im Gegenteil, bin ausschließlich damit beschäftigt, das Schiff stabil zu halten und würde selbst Hilfe benötigen. Es bleibt dieses andauernde Auf und Ab. Dazu so gut wie keine Sicht und da Dörte im Augenblick absolut unfähig ist sich irgendwie zu bewegen, ist es mir auch nicht möglich unsere Position eindeutig zu bestimmen. Leider habe ich keinen Autopilot, welcher mich etwas unterstützen könnte. Auch ist das GPS-System nicht einsatzbereit, da die Antenne am liegenden Mast keine klaren Daten empfängt. Also eine reine Kompassfahrt ins Nichts.

Dörte hängt mit grünem Gesicht in der Ecke, ich versuche die Goldfisch zu steuern, pausenlos kommt Wasser über das Deck und bald verliere ich auch die Gewissheit in die richtige Richtung zu fahren, habe das Gefühl, dass wir uns langsam im Kreis bewegen. Selbstverständlich ist dies nur ein Gefühl, denn die Kompassnadel zeigt genau nach Osten und solange sich hier nichts ändert, haben wir die Gefahr der schroffen Küste hinter uns. Zumindest für die nächste Zeit. Die Schifffahrtsroute mit ihren Tankern sollte auch noch etwas entfernt sein und wenn sich einer dieser Giganten nähert, wird uns unser Radarwarner mit seinem lauten Warnton darüber informieren. Also weiter durch dieses abstoßende Wettergeschehen.

Mittlerweile sitzt Dörte am Niedergang, ist aber weiterhin nicht fähig, sich irgendwie zu bewegen. Sie tut mir fürchterlich leid. Bei der Ansteuerung auf Konstanza ging es ihr auch nicht besonders, doch wusste sie, dass wir bald den sicheren Hafen erreichen würden. Nun sieht es doch etwas anders aus, wir bewegen uns immer mehr von der Küste fort und wie es aussieht, wird sich die Lage auch nicht bessern. Aber soweit ich es sehen kann, auch nicht schlechter. Ich versuche Ihr dies zu erklären, obwohl ich auch weis, dass dies kein Trost für sie sein kann. Und obwohl ich auch weis, dass dies unsere Lage auch nicht unbedingt verbessert. Immer wieder werden wir auf die Wellenkämme emporgehoben, um danach ins nächste Tal zu stürzen. Dabei dieses enorme Zittern und Beben, welches durch das ganze Schiff geht und die Tatsache, dass wir uns in diesem anscheinend undurchdringbaren Nebelfeld befinden.

Gute zwei Stunden quälen wir uns so weiter, erst danach ändere ich den Kurs etwas mehr nach Süden. Fast gleichzeitig wird dies, nun fast von achtern kommende, mächtige Dünung schwächer. Immer mehr respektiere ich die vielen Warnungen vor diesem Meer, dessen Aussehen sich innerhalb von nur weniger Stunden radikal ändert. Das Wettergeschehen ist hier wirklich unberechenbar und äußerst eigenwillig. Und genauso verhält es sich auch jetzt wieder, innerhalb weniger Minuten lichtet sich der Nebel. Nach kurzer Zeit erkennen wir im Dunst die Umrisse der doch sehr nahe wirkenden Küste, obwohl ich dachte viel weiter davon entfernt zu sein und bin dementsprechend erschrocken darüber.

Nach der Umrundung des gefürchteten Cap Kaliakra, wo sich zwei Wettersysteme treffen erreichen wir Baltchik, den ersten Hafen in Bulgarien. Die Hafenbehörden wollen uns zum Einklarieren weiter nach Varna schicken, jedoch kann ich den Beamten überzeugen doch hier die Revision durchzuführen. Sofort nach dem späteren Festmachen in dem Yachthafen werden wir von den dort stationierten Seglern und einigen Einheimischen wie alte Freunde begrüßt und überaus gastfreundlich bewirtet. Wir verlieben uns in dieses Städtchen mit seinen Bewohnern, unternehmen Landausflüge nach Varna und andere sehenswerte Orte und brechen erst einen Monat später wieder auf. Von hier nehmen wir so einiges mit, wie zum Beispiel den gestellten Hauptmast, veränderte Segelfläche, viele neu angefertigte Teil für das Schiff, und auch die Gewissheit hier viele Freunde gefunden zu haben. Was wir zurücklassen, ist ein nicht mehr zu reparierender Besanmast und auch unsere Erlaubnis weitere Städte in Bulgarien zu besuchen. Denn ein übereifriger Beamter hat uns wieder komplett ausklariert, anstatt uns nur aus dem Buch der Hafenbewegungen auszutragen. Somit werden alle folgenden Landausflüge zu einer illegalen Aktion. Sowohl hier in Bulgarien, als auch in der Schwarzmeerregion der Türkei, da der erste türkische Einklarierungshafen erst im Marmarameer liegt. Deshalb werden auch noch so einige Abenteuer auf uns zukommen.

Da der Mast nun bereits gestellt ist, brauchen wir Varna wegen dieser Arbeit auch nicht mehr anlaufen, ersparen uns die Berufsschifffahrt mit ihren Megatankern bei der Hafeneinfahrt und sind nun endlich mit einer voll funktionsfähigen Segelyacht unterwegs. Nun hat die Goldfisch auch ihr Gleichgewicht zurück erhalten und wir segeln unter Vollzeug vorbei an Burghas nach Nessebar, dieser kleinen Halbinsel mit seiner mächtigen Stadtmauer und den wundervoll restaurierten Altbauten, welche Zeitzeugen des vergangenen Jahrhundert darstellen. Wir laufen diese Stadt auch deswegen an da, wir von dem fehlenden Hafenamt wissen.

Bei unserem nächstem Anlaufpunkt funktioniert die östliche Bürokratie wieder, wir werden im Hafen festgehalten und mit viel Glück entgehen wir einer Verhaftung. Wir dürfen in dieser Zeit nicht ein Mal den Hafenkai betreten und sind auf einige Fischer angewiesen uns mit frischen Lebensmitteln zu versorgen. Die Behörden verlangen von uns, zurück nach Burghas zu segeln, um dort eine Kontrolle der Papiere und des Schiffes durchzuführen. Einer der hilfsbereiten Fischer erklärt uns, welche Schwierigkeiten dort auf uns warten können und so geben wir dem Hafenkapitän zwar das Einverständnis, zurück nach Burghas zu segeln, drehen aber, nachdem wir hinter einer Insel außer Sicht sind ab und steuern Richtung Türkei, das nicht mal eine Tagesreise von hier entfernt liegt.

Als wir uns entschließen in einer verträumten und versteckten Bucht für einen Badestop zu ankern, werden wir über Funk mit „Welcome Germany“ empfangen. Eine Motoryacht liegt dort vor Anker und wir werden zu einem üppigen Mal geladen, welches wir auf ins Wasser geworfener Campingmöbeln einnehmen. Wir sitzen mit drei Familien bis zum Bauchnabel im Wasser. Wurst, Schinken, Speck, Käse und frisches Brot erwartet uns dort. Auch verschiedene Früchte wie Melonen und ebenso trinken wir Champagner und Whisky. Die Leute stellen sich als Hotelbesitzer vor und bestehen darauf, ihnen im Konvoi zu ihrem Anwesen zu folgen, welches über einen hauseigenen Hafen verfügt.

Doch bereits nach wenigen Minuten am Meer, kommt ein überaus schwer bewaffneter Kreuzer der bulgarischen Küstenwache auf uns zu. Wir sind uns sicher, er wurde von den Behörden unseren letzten Hafenaufenthaltes gerufen, um uns aufzugreifen, aber vorerst geschieht erst mal gar nichts. Er stoppt auf und verfolgt uns danach weiterhin in knapper Entfernung und mit auf uns gerichteten Maschinengewehren. Kein Funkspruch, kein Zeichen, nichts. Nachdem der Eigner der bulgarischen Yacht zu dem Kreuzer fährt, scheinen die Probleme anzufangen. Die Hotelbesitzer errichten ein Lügengerüst von einem angeblichen Motorschaden der Goldfisch und so lässt uns die Küstenwache weiterfahren, bleibt uns aber bis zur Hafeneinfahrt auf den Fersen. Nach der Motorreparatur und noch vor dem Weiterfahren sollen wir uns bei ihnen melden, legen aber einige Tage später frühmorgens ab und schleichen fast wie Verbrecher Richtung Türkei.

Wir passieren die türkische Grenze und laufen in dem Fischerhafen von Igneada ein, möchten in der Hafenmitte ankern, doch freundliche Fischer winken uns heran. Wir gehen längsseits an eins ihrer Boote. Die folgenden Tage verbringen wir mit den Fischern, die ähnlich wie Zigeuner unter Zelten am Hafen leben. Wir erhalten einen Einblick in ihre Arbeit und lernen die türkische Gastfreundlichkeit kennen, von der uns schon so oft erzählt wurde.

Je näher wir dem Bosporus kommen, der als Tor zur westlichen Welt gilt, umso mehr erhebt sich auch das Meer zu einer unangenehmen Kabbelsee. Mit gerefften Segeln schleichen wir neben der schroffen Küste, durchqueren einen Ankerplatz auf dem riesige Tanker darauf warten durch den Bosporus gelotst zu werden. Es geht vorbei an riesigen Hecks mit den verschiedensten Flaggen und aufgemalten Heimathäfen. Izmail, Panama und Hamburg treffen sich hier zum Stelldichein.

Da wir überaus regen Verkehr und aufkommenden Strom in der nördlichen Einfahrt zum Bosporus vorfinden, werfen wir nicht wie geplant auf der asiatischen Seite den Anker, sondern drehen in den Hafen von Rumelifeneri und durchfahren bereits am nächsten Morgen den Bosporus, der Europa von Asien trennt.

Am Morgen frühstücken wir in Ruhe und beobachten das Erwachen des Hafenlebens, lösen gegen 9.00 Uhr die Leinen von dem Fischkutter und fahren langsam durch die Hafenbecken zur Ausfahrt. Nach dem Leuchtzeichen biegen wir in die Strömung, die uns auch sofort mit sich zieht. In der Antike und im Mittelalter lief der gesamte Handelsverkehr zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer durch den Bosporus. Für uns sieht es so aus, als wäre das heute noch immer so. Ein Megatanker nach dem Anderen. Sie bleiben aber in ihrer Fahrrinne und so haben wir genügend Platz zur Verfügung, können somit ohne weiteres unsere Fahrt in vollen Zügen genießen.

An den hügeligen Ufern fügen sich Vergangenheit und Gegenwart, Luxus und Schlichtheit harmonisch zu einem Ganzen. Moderne Prachtvillen und alte Holzhäuser, marmorne Paläste und mittelalterliche Burgen, kleine Ferienorte und Fischerdörfer wechseln einander ab.

An der linken Seite erstreckt sich ein Wald. Am europäischen Ufer liegen in einer malerischen Bucht Tarabya, bekannt für seine ausgezeichneten Fischrestaurants und seinen Yachthafen, sowie die Vororte Büyükdere und Sariyer. Hier findet der größte Fischmarkt des Gebietes statt. Sanyer ist auch in Deutschland berühmt für köstlichen Milchpudding und 'Börek'.

Vorbei an wunderbar anzusehenden Villen am befestigten Ufer und auch einigen kleinen Yachtclubs, steuern wir die Goldfisch unter der ersten, der beiden mächtigen Brücken von Istanbul hindurch. Hier taucht eine riesige Schule Delphine auf, scheint uns zu begrüßen und begleitet uns einige Kilometer weit.

Wir sind an der engsten Stelle des Bosporus angelangt. Nur etwa 700 Meter trennen die beiden Kontinente hier. Wieder ist mehr Strömung zu spüren. Auf der europäischen Seite befindet sich hier die Bosporus-Festung Rumeli Hisari. Sie wurde 1452 zusammen mit Anadolu Hisari auf der asiatischen Seite zur Kontrolle des Bosporus erbaut.

Die zwei Kontinente verbindende Bosporusbrücke, viertlängste der Welt, spannt sich in elegantem Bogen über die Meerenge. Nach der Ruhe und Weite des Schwarzen Meeres erkennen wir hier immer mehr den westlichen Einfluss mit seiner Ruhelosigkeit. Tausende Fahrzeuge sind auf der Brücke unterwegs und lassen bereits den Rummel auf Istanbuls Strassen erahnen.

Unsere Begleiter, die Delphine sind verschwunden. Anscheinend ist ihnen hier beim Goldenen Horn der rege Verkehr diverser Fähren zuviel, die pausenlos von Europa nach Asien übersetzen und umgekehrt. Das reinste Chaos kommt uns hier entgegen, pausenlos müssen wir ausweichen, unseren Kurs ändern und das gestaltet sich alles andere als einfach. Hier beim Goldenen Horn, auch Halcik genannt, geraten wir erneut in eine unangenehme Kabbelsee und rund um uns tummeln sich laut tutende Fähren, Tankschiffe, Personentransporte und Freizeitboote. Ein riesiges Durcheinander. Zwei mal müssen wir abdrehen, entgehen nur knapp einer Kollision.

Trotz unserem Stress mit den vielen Schiffen rund um uns, schaffen wir es einige Blicke in die Bucht zu werfen. Die hornförmige Bucht auf der europäischen Seite war früher ein natürlicher Hafen und als solcher, vor langer Zeit, sowohl für die Oströmer als auch für die Osmanen von großer Bedeutung. Heute ist die Bucht eingerahmt von Parkanlagen und Promenaden. Märchenhaft mutet die dahinter liegende Silhouette der Stadt an. Wie ein Freilichtmuseum wirken die Stadtteile hier an den Ufern auf uns.

Nach nur drei Stunden Fahrt haben wir den Bosporus hinter uns gelassen und kommen jetzt zu einem weiteren, neuen Reiseabschnitt.

Obwohl die Durchfahrt durch den Bosporus ein landschaftliches und kulturelles Highlight für uns war, hat uns der hinter uns liegende Verkehr doch ziemlich geschafft. Bald werden wir aber die Attakoy-Marina erreichen, können ausspannen.

Als wir die Marina erreichen sind wir fix und fertig. Nach wochenlanger Ruhe hat uns der Stress am Goldenen Horn erledigt. In Istanbul erhalten wir mit viel angebotenen Tee unser Transitlog und sind nun endlich wieder offiziell unterwegs.

Das Marmarameer queren wir bei vollkommender Flaute, machen nur einen einzigen Stop bei dem wir auch mehrmals in der Hafeneinfahrt auflaufen. Nur einem erfahrenen Fährkapitän ist es zu verdanken, dass wir doch noch in dem Hafen anlegen konnten, um Lebensmittel zu bunkern und die Stadt zu besichtigen.

Weiter mit Flaute geht es zur Einfahrt in die Dardanellen. Wir haben von allen Abschnitten unserer Reise ausreichend Kartenmaterial an Bord, nur keine einzige Karte von den Dardanellen! Durch den Stadtstress haben wir vergessen, so wie geplant, uns diese Karten in Istanbul zu besorgen. Also werfen wir in einer Bucht im Nordwesten der Einfahrt den Anker um am nächsten Morgen mit genügend Sicht die Durchfahrt zu starten. Bei Tageslicht sollte diese Etappe kein Problem sein.

Doch leider kommt es wieder anders als geplant. Gegen Spätnachmittag entwickelt sich starker Schwell, der in die Bucht rollt. Ein pausenloses und sehr starkes einrucken der Ankerkette verübelt uns das Vorhaben und so lichten wir wieder den Anker. Hätten wir eine Karte, würden wir wissen, dass es in den Dardanellen keine Yachtclubs oder sichere Ankerplätze gibt. Und so kommen wir mit dem doch sehr mächtigen Strom der hier vorherrscht, in die Dunkelheit der Nacht.

Eine aufreibende Fahrt mit tausenden Lichtern, die wir nicht deuten können, kommt uns entgegen. Hier rot, dort grün, hier flackert weißes Licht und das da drüben scheinen die Rücklichter der am Ufer fahrenden Autos zu sein. Das andere sind wahrscheinlich die Beleuchtungen einiger Häuser. Schrecklich! So geht es lange Zeit dahin. Da wir ohne Karte und ohne das Wissen, wo welche Leuchtzeichen stehen und die jeweilige Kennung auch nicht deuten können, kommt enorme Nervosität auf. Und als uns plötzlich ein riesiger, laut hupender Schatten kreuzt, wissen wir, wir müssen unbedingt irgendwo stoppen um nicht wirklich ein Unglück herauf zu beschwören. Wir ankern im Strom kurz vor einem kleinen Hafen, dessen Einfahrt zu wenig Wassertiefe für uns aufweist.

In Canakkale erledigen wir unsere Ausgangsrevision und obwohl über Funk bestes Wetter für die Ägäis vorausgesagt ist, erwischt es uns kurz hinter dem Leuchtturm von Tekke Burun. Innerhalb kürzester Zeit brüllen acht bis neun Windstärken auf uns ein.

Für die nächsten 100 Meilen brauchen wir ganze drei Wochen da wir die meiste Zeit im Hafen oder am Anker abwettern müssen. Die Ägäis empfängt uns mit den stärksten Meltemistürmen, die es seit mehr als zehn Jahren in dem Gebiet gegeben hat.

Auch als wir unser Ziel, die Halbinsel Sithonia erreichen, ist der Spuk noch nicht vorbei. Die Goldfisch liegt in einem kleinen Fischerhafen vor Anker, wir sitzen gemütlich in einer Taverne und ehe wir uns versehen können, dreht der Wind und reißt so derartig am doppelten Ankergeschirr, dass es sich vom Grund löst und die Goldfisch landwärts zu den verankerten Fischerboote treibt. Mit letzter Anstrengung schaffe ich es mit dem Beiboot gegen den Schwell das Schiff zu erreichen, um schlimmeres zu verhindern. Am ersten Fischerboot war die Goldfisch bereits dran, aber Gott sei Dank entsteht kein Schaden. Mit nachschleppenden Ankern muss ich die Bucht verlassen.

Das alles geschah so schnell, dass es Dörte an Land nicht mehr schaffte, mir zu folgen und hätte ich diese wenigen Minuten auf sie gewartet, wäre die Goldfisch noch mehr zu den ankernden Fischerbooten abgetrieben. Sie wäre mit den anderen Booten kollidiert und meine Anker hätten enormen Kettensalat verursacht. In immer stärkerem Schwell und absoluter Finsternis hole ich die Anker hoch, einer davon ist von der Kraft des Meeres verbogen. Versuche in der Dunkelheit die nahen Klippen zu umgehen und mich gleichzeitig an der Karte zu orientieren wo ich einen geschützten Platz für mich und mein Schiff finde. Leider weist jede Bucht Felsen auf, die knapp unter der Wasseroberfläche lauern und so reite ich diese Nacht hinter dem Steuer ab. Erst bei Anbruch des Tages kann ich eine sichere Bucht ansteuern, um Dörte wieder gefahrlos an Bord zu nehmen. Auch sie hatte eine sehr unruhige Nacht in einem Appartement in der Nähe.

Da Dörtes Urlaub auch dieses Mal kürzer ist als der meine, muss sie bereits kurz danach zurück nach Deutschland fliegen und ich beginne einen Winterplatz für die Goldfisch zu suchen. Eineinhalb Monate später erreiche auch ich wieder Deutschland und blicke auf eine interessante, aber auch ereignisreiche Reise zurück.

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